Ein Kind hört nicht - und Erwachsene bekommen Angst
Mama, ich geh noch mal schnell Kirschen pflücken.
Ich explodiere fast. Du musst noch Hausaufgaben von gestern machen und gleich ist Schule. Du bleibst jetzt hier. Du guckst mich an, sagst nö und rennst raus in den Garten.
Alles in mir schreit, hinterherzurennen, dich einzufangen, dir den Stift in die Hand zu drücken. Warum kannst du nicht einfach mal mitmachen?
Ich gehe rein, mache mir einen Kaffee und schaue aus dem Fenster, wie du glücklich im Baum sitzt und deine Kirschen pflückst.
Ich kann dich begleiten und anleiten. Ich kann meine Grenze halten. Aber ich kann nicht mehr über dich bestimmen. Du triffst inzwischen deine eigenen Entscheidungen und darfst dafür auch erste eigene Verantwortung übernehmen.
Ich lächle, weil du keine Angst vor mir hast. Weil dieser kleine Kopf schon so einen starken Willen hat.
Wenn's um Sicherheit geht, muss ich natürlich schützen und eingreifen. Aber eben nicht mehr bei allen Themen..
Wie es weiterging: Mein Kind kam freudestrahlend nach oben und überreichte mir die schönste Kirsche. "Die ist für dich, Mama." Ich habe gefragt: Was machen wir denn jetzt? Nach einem längeren Grübeln kam: "Ich sage meiner Lehrerin, dass ich heute Morgen lieber Kirschen pflücken wollte und dass ich die Hausis heute nachhole. Ich muss jetzt los, ich will pünktlich sein."
Was ich daraus mitgenommen habe:
- noch mal bei mir einzuchecken, ob die Erwartungshaltung, dass mein Kind morgens vor der Schule die Hausis und den ganzen Trubel erledigt, wirklich realistisch ist.
- Eventuell schon am Vorabend eine Entschuldigung für die Lehrerin zu schreiben, falls es morgens dann doch nicht klappt.
- Und zu feiern, dass die Dinge, die mir wirklich wichtig sind, bereits bei meinem Kind angekommen sind: Ehrlichkeit. Verantwortung übernehmen. Und ja, auch Pünktlichkeit.
"Du hast dein Kind nicht unter Kontrolle."
"Das fängt im Kleinen an, später werden daraus Straftäter." "Ich arbeite in einer Jugendwohngruppe, ich weiß ganz genau, was passiert, wenn Eltern keine Regeln durchsetzen." "Wenn du so weitermachst, wird dein Kind niemals einen vernünftigen Job haben." "Dein Kind respektiert dich nicht."
Was hinter all diesen Kommentaren steht: Angst. Das ganze Nervensystem von vielen Erwachsenen fängt an zu zittern, wenn Kinder nicht hören. Denn vielleicht haben wir selbst gelernt, dass es total gefährlich ist, nicht zu hören. Dass wir das niemals durften. Und projizieren das jetzt eben auch auf andere Kinder.
Wir sind außerdem in einer Gesellschaft, in der von Kindern einfach Gehorsam erwartet wird. Und das ist total verrückt, wenn man es sich genauer anschaut: Wir wollen Erwachsene, die nicht angepasst sind. Wir wollen Erwachsene, die für sich einstehen. Wir wollen Erwachsene, die ihre Grenzen klar kommunizieren, die vorangehen, die Dinge hinterfragen, die nicht jeder Anweisung blind folgen. Und gleichzeitig erwarten wir von unseren Kindern, dass sie genau das tun.
Ich finde, das sagt sehr viel über uns selbst aus. Über unsere eigenen Erfahrungen und Prägungen. Darüber, dass unser Nervensystem komplett in den Alarmmodus schaltet, wenn unsere alten Muster aktiviert werden. Das ist okay, das ist ein Schutzmechanismus.
Und doch finde ich es sehr klug, zu hinterfragen, ob ein Kind, das sich für Kirschenpflücken statt Hausaufgaben entscheidet, wirklich eine Karriere als Straftäter prognostiziert bekommen sollte.
Welche Gefahr hier wirklich lauert.
Eltern, die so verunsichert sind, dass sie aus Sorge gewaltvoll ihren Kindern gegenüber werden - blind alles durchdrücken, aus Angst, dass ihr Kind ihnen später "auf der Nase rumtanzt" sind oft das Resultat eben genau dieser Kommentare.
Und darum werde ich auch nicht müde, immer und immer wieder für mehr Bewusstsein einzutreten. Es ist ein Kind. Im Kirschbaum. Diese Horrorzenarien erzählen dir deine Erfahrungen, Muster und Prägungen.
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